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Industrie 4.0: Chinesischer Spezialist wagt den Sprung nach Europa

Industrie 4.0: Chinesischer Spezialist wagt den Sprung nach Europa

Irootech, der chinesische Spezialist für das industrielle Internet der Dinge (IIoT), wagt den Sprung nach Europa. Er hat sich darauf spezialisiert, Maschinen miteinander zu vernetzen. Dabei handelt es sich um stationäre und mobile Systeme, etwa Betonpumpen, Werkzeugmaschinen und Windgeneratoren. In seiner Heimat ist er in diesem Bereich Marktführer. In Europa plant er in diesem Jahr vier bis fünf Pilotprojekte. Dazu baut er einen deutsch- und englischsprachigen Mitarbeiterstab auf. Erster Kunde ist der Betonmaschinenhersteller Putzmeister, der den gleichen Mutterkonzern hat, den chinesischen Baumaschinenhersteller Putzmeister.

Erster Nutzer ist der deutsche Betonmaschinenbauer Putzmeister

Bauunternehmen, die Betonpumpen einsetzen, können fünf bis zehn Prozent der Betriebs- und Materialkosten einsparen. Das verspricht Martin Knötgen, CEO des Pumpenherstellers Putzmeister aus Aichtal bei Stuttgart, der sich 2012 mit dem chinesischen Baumaschinenhersteller Sany zu einer weltweit agierenden Gruppe zusammenschloss. Die Einsparung bringt das Internet der Dinge (IoT – Internet of Things). Die Technik zur Vernetzung der Maschinen via Internet liefert Irootech Technology, ein chinesisches Unternehmen, das aus Sany hervorgegangen ist. Es hat sich, anders als große Anbieter von Industrie-4.0-Techniken, auf Maschinen spezialisiert. „Wir haben bewusst auf ein extrem breites Anwendungsspektrum verzichtet“, sagt Luchuang Huang, CMO des IoT-Anbieters.

Marktführer in China

Das hat sich ausgezahlt. Obwohl erst vor zwei Jahren gegründet hat es bereits 400000 Maschinen in 42 Gruppen miteinander vernetzt. Es setzt RootCloud ein, eine IoT-Plattform, die der Mutterkonzern Sany entwickelt und 2016 an Irootech weitergegeben hat. Außerhalb von China – dort ist Irootech in seinem Spezialbereich IoT-Marktführer – ist die RootCloud bisher nur bei Putzmeister im Einsatz, wenn die Kunden es wollen. Der Hersteller hat gute -Argumente für die Technik. Außer der Kosteneinsparung profitierten die Bauunternehmen und deren Kunden von einer erheblich verbesserten Zuverlässigkeit und höherer Bauqualität.

Erstes deutsch-chinesisches Projekt ist schon beschlossen

Jetzt hat Irootech den Sprung nach Deutschland gewagt, um europäischen Maschinennutzern – nicht nur denen, die Baumaschinen einsetzen – seine IoT-Lösung nahezubringen. Huang wäre glücklich, wie er sagt, wenn es in diesem Jahr gelänge, vier bis fünf Pilotprojekte in Europa zu realisieren. Das erste, das bereits beschlossen ist, betrifft wieder Putzmeister. Nutzer von Betonpumpen sollen bis zum Jahresende mit der gesamten Lieferkette vernetzt werden können, also mit den Betonherstellern, deren Lieferanten und den Fahrzeugen, die den vorgemischten Beton zu den Baustellen bringen. „Das wird die Qualität noch einmal erhöhen“, ist Knötgen sicher. Der Beton wird minutengenau angeliefert, hat also eine optimale Konsistenz. Das Herstellerwerk bekommt zu jedem Zeitpunkt genauso viele Rohstoffe, vor allem Kies und Zement, wie er aktuell benötigt. Und Ausschuss wird es nicht mehr geben, der heute noch anfällt, wenn es unterwartete Verzögerungen gibt. „Es ist ein Milliardenmarkt“, sagt Huang.

Zielgruppe kleine und mittlere Unternehmen

„Auf der Bauma werden wir bereits etwas Neues präsentieren“, sagt Huang. Die Bauma ist die Weltleitmesse für Bau-, Baustoff- und Bergbaumaschinen, Baufahrzeuge und Baugeräte. Sie findet vom 6. bis 14. April in München statt.

Huang hat nicht nur große Unternehmen im Visier. Auch kleine und mittlere gehören zur Zielgruppe. Auch ohne eigene IT-Abteilung könnten sie die RootCloud problemlos nutzen. Das ehrgeizige Ziel von Irootech ist es, mit RootCloud an die Spitze des internationalen Marktes für IIoT zu gelangen (IIoT = Industrial Internet of Things).

Zunächst aber geht es nicht primär um Umsätze. „Wir wollen Pilotprojekte in möglichst vielen Branchen realisieren“, sagt Huang. Um das zu erreichen baut das Unternehmen derzeit einen deutsch- oder englischsprachigen Mitarbeiterstab auf, der in IoT-Fragen kompetent beraten kann In China hat Irootech gut 300 Mitarbeiter. Dazu kommen rund 700 Experten aus spezialisierten Partnerunternehmen.

Maschinen sind länger in Betrieb

Maschinen und die Infrastruktur, die sie mit Material versorgen, werden zu diesem Zweck eng vernetzt. Genutzt werden vor allem die Daten, die die Maschinen ohnehin zur Verfügung stellen. Sie werden der zunehmend aufwändigeren Steuerung entnommen. Dabei geht es beispielsweise um den Standort jeder Maschine und jeden Zulieferers, Informationsübermittlung über Verzögerungen durch Verkehrsengpässe oder Ausfall von Maschinenteilen und Daten, die für eine Wartung nach Bedarf nötig sind. Verschleißteile werden nur noch dann ausgetauscht, wenn es tatsächlich nötig ist. Bisher waren eher regelmäßige Inspektionen und der Austausch von Teilen nach einer bestimmten Zeit üblich. Das schloss Störungen im dazwischen liegenden Zeitraum nicht aus. Zudem mussten die Maschinen häufiger als nötig den Betrieb unterbrechen.

Irootech ist es gelungen, in zahlreiche Branchen einzudringen, die nichts mit der Domäne der Muttergesellschaft zu tun haben. Das IoT-Unternehmen begleitet beispielsweise den Lebenslauf von Dampfdruckkesseln. An Hand von gefahrenen Drücken und der Dauer von Belastungen lassen sich in diesem Fall Wartungs- und Prüfintervalle verlängern.

Für Yueneng Technology, einen großen chinesischen Energiekonzern, hat Irootech ein paar Dutzend Windenergieanlagen miteinander vernetzt. Auf dem Kontrollmonitor wird in Echtzeit der Zustand jedes einzelnen Generators abgebildet: In Betrieb, in Bereitschaft, defekt. Bei Anlagen, die wegen einer Panne aussetzen müssen, liefert das System direkt den Grund für den Ausfall, sodass technisches Personal direkt mit den richtigen Ersatzteilen anreisen kann und nicht lange nach dem Fehler suchen muss.

Huang hat bereits prominente Partner ins Boot geholt. Dazu gehört die Münchner Rück. Sie wird möglicherweise günstigere Tarife für vernetzte Maschinen anbieten können. Amazon Web Services stellt sein Know-how im Cloud Computing zur Verfügung, und das norwegische Telekommunikationsunternehmen Telenor ist mit seinem Mobilfunk-Wissen dabei.

Elektronische Fußfessel für Betonpumpen

RootCloud löst noch ein anderes Problem. Betonpumpen sind trotz ihrer gewaltigen Ausmaße keineswegs gegen Diebstahl gefeit, so die Erfahrungen von Putzmeister. Aus diesem Grund bekommen sie eine Art elektronische Fußfessel, ähnlich der, die Menschen tragen müssen, die sich strafbar gemacht haben, aber nicht eingesperrt werden müssen. Um den Arbeitsplatz der Pumpe wird dazu ein elektronischer Zaun gezogen. Wird er überschritten schlägt das System Alarm, meldet seinen Standort und die Pumpe kann wieder „eingefangen“ werden.

Quelle: Irootech, Bild Betonpumpe Putzmeister

Veröffentlicht von

Svenja Stenner

Tausende Komponenten, eine mobile Arbeitsmaschine: Über das optimale Zusammenspiel zu berichten, ist für mich immer wieder faszinierend.

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